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Besatzermythen

von Joachim Guilliard

Über islamistische und laizistische Kräfte im Widerstand gegen die Besatzung des Irak

Der folgende Artikel basiert auf einem Vortrag, den der Autor auf der am 23./24. April 2005 von der Marx-Engels-Stiftung in Wuppertal veranstalteten Konferenz »Islam – Islamismus – ›islamischer‹ Widerstand« gehalten hat. Der Text erscheint im Heft 4 der Marxistischen Blätter (Schwerpunkt: »Feindbild Islam«), August 2005.

Die SiG-Redaktion dokumentiert hier nur die Erwiderung zu einer der Behauptungen.

Zum Volltext: www.jungewelt.de

 

Behauptung 3: Der Widerstand greift gezielt zivile Ziele an

Diverse Meinungsumfragen und die Erkenntnisse der CIA bestätigen, dass Angriffe auf Besatzungstruppen bei einem großen Teil der Bevölkerung auf Zustimmung stoßen. Anschläge auf in- und ausländische Zivilisten, Entführungen usw. werden hingegen einhellig abgelehnt. Auch die wesentlichen Widerstandsorganisationen haben sich stets eindeutig davon distanziert, wie u.a. die Referenten auf der Irak-Konferenz in Berlin übereinstimmend berichteten (siehe www.irakkonferenz.de). So betonte Hadi Al-Khalessi von der »Irakischen Nationalen Gründungskonferenz« (INFC), einer Dachorganisation des zivilen Widerstands, die auch von vielen Guerillagruppen als politisches Sprachrohr anerkannt wird: »Alle Aktionen, die sich nicht eindeutig gegen die Besatzer richten, nützen letztlich diesen. Alles, was sich gegen die Zivilbevölkerung richtet, ist Terrorismus und hat mit dem Widerstand nichts zu tun.« (jW, 19.3.05)

Ähnlich sieht dies u. a. auch die »Islamische Front des irakischen Widerstands« (Jama’), ein Zusammenschluß von Widerstandsgruppen aus den Provinzen nördlich und östlich von Bagdad. Ihre Richtlinien verbieten explizit Angriffe auf zivile Ziele und verurteilen das »Abschlachten von Geiseln« und das »Vergießen irakischen Blutes, unabhängig unter welchem Vorwand und unabhängig davon, ob es sich um Zivilisten oder Angehörige der Polizei oder Nationalgarde handelt.« Die Richtlinien der Front verbieten zudem jegliche Kooperation mit Gruppierungen, die in solche Anschläge involviert sind. Um das Leben von Zivilisten nicht zu gefährden, sollen zudem Angriffe auf Besatzer innerhalb von Städten vermieden werden.

Diese Äußerungen stehen in scharfem Kontrast zu den häufigen Anschlägen auf Zivilisten, die das Bild in den täglichen Nachrichten bestimmen. Sieht man sich das gesamte Spektrum an bewaffneten Aktionen an, so stellt man fest, dass diese – wer immer dahinter stecken mag – nur einen recht kleinen Teil ausmachen und keine Zusammenhänge mit dem Hauptteil der klassischen militärischen Widerstandsaktivitäten erkennen lassen.

Anthony Cordesman hat die Zahl der öffentlich bekannt gewordenen Angriffe und Opfer von September 2003 bis Oktober 2004 nach Art des Zieles aufgeschlüsselt. Seine Untersuchung macht deutlich, dass die Zahl der Angriffe auf Besatzungstruppen klar überwiegen (über 75 Prozent) und Angriffe auf zivile Ziele nur einen sehr kleinen Teil ausmachen (4,1 Prozent). Die Anschläge auf ungeschützte Menschen sind dafür um so verheerender, wodurch die Zahl der zivilen Opfer dennoch viel höher ist, als die der militärischen.

Das gleiche Verhältnis ergibt sich aus einer Statistik, die die New York Times auf Basis der Zahlen der CIA für die Zeit von Juni 2003 bis März 2005 erstellt hat. Sie zeigt zusätzlich den zeitlichen Verlauf. Demnach lag die Zahl der Angriffe seit April 2004 durchgängig bei über 1500 im Monat. Im August und November 2004 sowie im Januar 2005 waren es sogar über 70 pro Tag. Sie werden unterteilt nach Angriffen auf Besatzungstruppen, irakische Hilfstruppen, Zivilisten und Sonstige. Auch diese Übersicht belegt, dass die Angriffe zu über 75 Prozent den Besatzungstruppen gelten und Anschläge auf Zivilisten konstant nur einen kleinen Teil ausmachen.

Letztere müßten noch weiter differenziert werden. Da »zivil« nicht gleichbedeutend mit »unbeteiligt« ist, können in diese Kategorie auch Geheimdienstleute, Söldner, Spitzel oder sonstige Personen fallen, die die Besatzungstruppen in ihrem Krieg unterstützten.

Es ist zudem nicht korrekt, Anschläge auf Zivilisten pauschal Besatzungsgegnern zuschreiben. Zum einen bleiben die Hintergründe von Anschlägen mit zivilen Opfern meist völlig im dunkeln. Sie wurden nie von unabhängigen Stellen untersucht. Zum anderen sind die Opfer gezielter Attentate oft ausgewiesene Gegner der Besatzung. Verantwortlich werden hierfür u.a. die Badr-Brigaden des SCIRI und andere Milizen proamerikanischer Organisationen gemacht. Es verdichten sich zudem die Hinweise auf das Agieren von Todesschwadronen im Rahmen der als »Salvador Option« bekanntgewordenen US-Pläne eines verdeckten, schmutzigen Krieges gegen den Widerstand und seine Sympathisanten (vgl. jW vom 19.5.2005).

Viele der Greueltaten, zu denen sich angeblich ein Al-Sarkawi oder neu aufgetauchte Gruppierungen bekannten, geschahen zudem zu einem für die Besatzer so günstigen Zeitpunkt, dass es schwerfällt zu glauben, hier seien nur fanatische Feinde der USA am Werk.

Nur zirka 15 Prozent der Angriffe gelten irakischen Hilfstruppen. Da hierzu auch kurdische Peshmergas und andere Einheiten gezählt werden, die unmittelbar in den Angriffen gegen den Widerstand eingesetzt wurden, ist zu vermuten, dass die Aufrufe der wichtigen Widerstandsgruppen, keine irakischen Polizisten oder Soldaten anzugreifen, solange sie nicht gegen den Widerstand vorgehen, weitgehend respektiert werden.

Angesichts solcher Zahlen ist es kaum einsichtig, warum die selben Kämpfer und Kämpferinnen, die Woche für Woche eine größere Zahl sorgfältig geplanter und gut koordinierter Angriffe gegen einen militärisch überlegenen Gegner ausführen, sich an anderen Tagen in einer Menschenmenge in die Luft jagen sollen.

Es liegt wesentlich näher anzunehmen, dass hier völlig verschiedene Kräfte, mit völlig verschiedener Motivation und Zielsetzung, am Werk sind. In einem von der Federation of American Scientists (FAS) übersetzten Überblick über irakische Widerstandsgruppen aus der irakischen Wochenzeitung Al Zawra wird das Spektrum der bewaffnet agierenden Kräfte daher konsequenter Weise unterteilt in »Gruppen, die Widerstand gegen die Besatzung leisten« und »andere bewaffnete Gruppen«, die zu »Entführungen und Ermordung von Ausländern als Methode« greifen.

Namentlich erwähnt werden neun Gruppen, die alle radikalislamische Ideologien verfolgen, darunter die Gruppe des Jordaniers Abu Musab Al-Sarkawi. Obwohl sie von den meisten Irakern nicht dazugezählt werden, bestimmen sie das Bild des Widerstands in den westlichen Medien. Diese stützen sich dabei neben den »Erkenntnissen« der Geheimdienste vor allem auf Internetseiten, auf denen sich die Gruppierungen angeblich über ihre Ziele und Aktivitäten auslassen. Solche Seiten sind leicht manipulierbar und von äußert fragwürdiger Authentizität, stützen aber vorzüglich die gängige Charakterisierung des Widerstands.

Die Erklärungen und Berichte der Widerstandsgruppen zirkulieren vorwiegend als Flugblätter. Einige irakische Zeitungen, wie z.B. Mafkarat Al-Islam, veröffentlichen diese auszugsweise und bringen Berichte von ihren eigenen Journalisten, die oft als einzige vor Ort sind. Zusammenfassungen daraus werden wiederum regelmäßig ins Englische übersetzt und ins Internet gestellt. Von den westlichen Medien werden sie nicht zu Kenntnis genommen. Sicherlich gibt es auch hier sehr viel Propaganda – allerdings wohl kaum mehr als bei den Berichten der Besatzungstruppen. Und wenn auch die Erfolgsmeldungen der Guerillagruppen in der Regel übertreiben dürften, so zeigen sie doch, dass die Aktivitäten überwiegend in Angriffen auf Besatzungstruppen bestehen und in weit geringerem Maße aus Anschlägen auf irakische Polizei- und Armee-Einheiten oder andere Personen, die mit den Besatzern zusammenarbeiten.

Obwohl die Widerstandsbewegung offensichtlich keine gezielten Angriffe auf die Zivilbevölkerung durchführt, werden Zivilisten häufig von rücksichtslosen Angriffen der Guerilla auf Besatzungstruppen, bzw. deren oft blindwütiger Reaktion, in Mitleidenschaft gezogen. Längst nicht alle Kämpfer unterwerfen sich der Disziplin von Richtlinien, wie die oben erwähnte von Jama’. Viele Iraker sehen daher auch solche Angriffe als willkürlich an und fühlen sich selbst durch den Widerstand bedroht.

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