Organisationen aus dem Süden kritisieren Bevormundung bei Protesten gegen G8-Treffen in Gleneagles
aus Junge Welt
Rund 480 Organisationen haben sich unter dem Namen »Make Poverty History« (»Armut zur Geschichte machen«) zusammengeschlossen und organisieren dieser Tage in Schottland einen Teil der Aktionen gegen das Treffen der Gruppe der acht (G8), die sich vom 6. bis zum 8. Juli in der Nähe Edinburghs treffen. Die größten Gewerkschaften des Landes beteiligen sich ebenso wie Kirchen, entwicklungspolitische Nichtregierungsorganisationen, Wohlfahrtsverbände und Vereine der Einwanderer. Die Initiative hatte im vergangenen Jahr Oxfam ergriffen, eine international tätige Entwicklungshilfeorganisation, die allerdings seit einiger Zeit mit den wichtigen globalisierungskritischen Netzwerken aus Asien und Afrika über Kreuz liegt. Das in Thailand ansässige Institut »Focus on the Global South« (»Der Globale Süden im Brennpunkt«) hatte zum Beispiel 2004 den britischen Oxfam-Zweig wegen dessen Einlenken in der Auseinandersetzung um die Welthandelsorganisation scharf angegriffen.
Streit mit Oxfam
Der Streit ist jedoch bereits älteren Datums. 1999 hatte sich das globale Bündnis für eine sofortige Streichung der Schulden, »Jubilee 2000«, in Deutschland Erlaßjahrkampagne genannt, gespalten. Viele Organisationen aus dem Süden fühlten sich vor allem von britischen, aber auch von anderen europäischen Gruppen aus zumeist kirchlichen Kreisen bevormundet und sahen ihre Forderungen an den Rand gedrängt. Unter anderem ging es den Organisationen aus dem Süden darum, dass die Schulden ihrer Länder als illegetim bezeichnet und deshalb vollständig gestrichen werden müssen, während Organisationen wie Oxfam nur davon sprachen, dass die »unbezahlbaren« Forderungen gestrichen werden sollen. »Make Poverty History« hat diese strittige Formulierung wieder aufgegriffen und demonstriert damit, wie wenig aus dem damaligen Streit gelernt wurde.
Auch im Vorfeld der diesjährigen G8-Mobilisierung hat sich dieser Streit wiederholt. Oxfam International hatte für den September 2004 gemeinsam mit Action Aid und DATA (Debt AIDS Trade Africa), der Afrika-Wohltätigkeitsorganisation, die Bono, Leed-Sänger der Popgruppe U2, gemeinsam mit den Multimilliardären George Soros und Bill Gates (Microsoft) gegründet hat, nach Johannesburg eingeladen. Dort wurde das internationale Bündnis »Global Call to Action Against Poverty« (G-CAP, »Globaler Aufruf zum Handeln gegen die Armut«) ins Leben gerufen. Jedoch sagten Dutzende Organisationen aus den Ländern des Südens, darunter »Focus on the Global South« und das internationale Netzwerk»Jubilee South« ihre Teilnahme ab.
Massiver Rückschritt
Kofi Maluwi Klu, einer der führenden panafrikanischen Aktivisten in Ghana, faßt die Kritik wie folgt zusammen: »In der afrikanischen Befreiungsbewegung sagen wir: ›Nichts über uns, wenn wir nicht mit am Tisch sitzen.‹ ›Make Poverty History‹ ist ein massiver Rückschritt, selbst verglichen mit ›Jubilee 2000‹. Die Kampagne wird dominiert von Nichtregierungsorganisationen aus dem Norden, und ihre wichtigste Botschaft handelt von weißen Milliardären und Popstars, die das hilflose Afrika retten. Die politischen Bewegungen, die vor Ort für die Befreiung kämpfen, kommen in diesem Bild nicht vor«.
Auch in Großbritannien gab es im Vorfeld der von »Make Poverty History« am Samstag in Edinburgh organisierten Großdemonstration erhebliche interne Kritik. Die kritischen Forderungen nach fairem Handel und Demokratisierung von Weltbank und Internationalem Währungsfonds kamen in der öffentlichen Wahrnehmung kaum rüber. Der Grund: Man hatte die Werbeagentur Abbot Mead Vickers (AMV) engagiert, die zum Beispiel – in einem allerdings abgelehnten Entwurf – vorgeschlagen hatte, Londons Finanzminister Gordon Brown grafisch in eine Reihe mit Mahatma Gandhi und Nelson Mandela zu stellen ...


